Das Apfelblütenfest- Calvados, ein alter Baum und die Schwierigkeit des Erkennens

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Das Apfelblütenfest
Ein Roman von Carsten Sebastian Henn

Nehmen Sie dieses Buch mit auf eine Insel! In Ihren nächsten Urlaub oder auf Ihr Sofa an einem regnerischen Sonntag. Sie werden nicht mehr aufhören, zu lesen. Dieser Roman lässt Sie nicht mehr los!

Am Anfang steht ein Baum.
Ein alter sonnenbeschienener Apfelbaum.
Inmitten einer Plantage in der Normandie.
In diesen Baum ritzt Jules als kleiner Junge eine Stellenanzeige für eine Haushälterin ein.
Vierundzwanzig Jahre später zum traditionellen Apfelblütenfest
bekommt er eine Bewerbung in Form der lebhaften unkonventionellen Heilpraktikerin Lilou.

 


Landgutbesitzer, das Geheimnis des Cidre und Lilou

Jules, der mürrische Landgut Besitzer mit dem seltsamen Schmerz im Bein, der lieber Anwalt für Seerecht geworden wäre. Er hat das Landgut nach dem plötzlichen Tod seines Vaters übernommen, weil er sich der Verantwortung des Familienbetriebes bewusst war. Doch der Zugang zur Sensorik ist ihm fremd. Für ihn ist Calvados eine Ware, die er möglichst großflächig verkaufen möchte.
Auf Drängen Claudette’s, der guten Seele des Landgutes, lässt sich Jules auf eine Probe mit der Haushälterin ein.

Nun würfeln sich die Handlungsstränge, die heiteren Passagen und Mißverständnisse der Beiden, denn Lilou ist alles andere als eine Haushälterin, sie ist ein Energiebündel und ein Sturkopf, die sich ungern etwas sagen lässt und das Leben von Jules kurzfristig auf den Kopf stellt. Dieser verliert zuweilen seine abwehrende Haltung. Und lässt sich durch Lilous Ausflugspläne und Kochkünste kurzfristig von seinen Sorgen um das Gut ablenken.
Lilou ahnt, was besser werden könnte im Gut, vor allem der Geschmack des Cidre, und versucht Hilfestellungen über Umwege, aber das fruchtet bei Jules nicht.

Immer wieder holt ihn die Realität mit ihren Sorgen um das Gut ein.
IMG_3063Und da ist noch dieser Schmerz in seinem Bein.

So verkriecht er sich hinter seiner mürrischen Fassade und lässt Lilou ratlos zurück, die daraufhin mit Trotz und Abkehr reagiert.

Klischee! Wollen Sie jetzt rufen? Landgut, Sorgen, verwickelte Liebesgeschichte…Nein!

Dieser Roman ist eine Geschichte des Erkennens.
Der Menschen untereinander.
Der eigenen vergrabenen Ängste und Wünsche.
Der Möglichkeiten in der Veränderung.

Es ist ein großes Buch über Freundschaft.
Jules‘ Freundschaft zu dem zurückgezogenen Claude, der ihn ohne viel Fragen unterstützt und ihm Mut macht. Und der ihn lehrt, Calvados Jahrgänge mit Erinnerungen zu verbinden.

Ebenso anrührend, aber turbulenter ist die Freundschaft von Lilou und der Bäckerin Amélie, die in einer fröhlichen Frauenfreundschaft ihre Sorgen Wünsche und natürlich den Männerkummer teilen.
Und dann sind da noch Katze und Hund mit den klingenden Namen Mademoiselle und Depardieu.

Es ist ein Kaleidoskop von Nebenhandlungen und witzigen sehr menschlichen Passagen.
Und genau diese machen das Buch so liebenswert und lesenswert.
Es ist beinahe schade, dass der Autor so manche seiner Figuren nicht weiter ausschmückt.
Oder die Geschichten nur anreisst.

Besonders gelungen ist hierunter der Stadtstreicher Gaston,
der mehr und mehr zu Jules Gesprächspartner und zur Schlüsselperson wird.

Und es ist ein sagenhaftes Gemälde der Sinnlichkeit.
Wie die vielen scheinbar einfachen Gerichte mit ihren Gerüchen beschrieben werden.
Wie leicht dahin geworfene Worte das Alter und die Eigenart so manches Calvados beschreiben.
Wie ein Garagenwinzer das Grundverständnis zu besserem Cidre liefert.
All das ist hinreissend.

Das Apfelblütenfest ist auch ein dramatischer Roman.
Denn die Liebe und Freundschaften werden von schweren Wolken überschattet.
Wie sich durch Trauer, Bedrohung und verpasste Chancen am Ende zur neuen Apfelblüte
eine Perspektive entwickelt, ist ein gelungenes Ende.

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Besonders erwähnenswert ist auch die liebevolle Gestaltung des Buches.
Seines Umschlages und der Kapitel, denen jeweils ein Haiku vorangestellt ist,
das kein Haiku ist.
Sie werden dessen Besonderheit am Ende des Romans erfahren.IMG_3067

 

Carsten Sebastian Henn
hat in dichtem eingängigem Stil einen wunderschönen, reichen,
sehr spannenden Roman geschrieben.
Er entführt in die Welt des Cidre und des Calvados, der Normandie, der Gerüche, Gerichte, der Menschlichkeit.
Der Erinnerungen und vor allem: der Liebe und Freundschaft.

 

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Das Apfelblütenfest
Pendo Verlag ©2016
€ 16,99

Hier geht’s zum Buch.

 

 

Danke Carsten Sebastian Henn und dem Pendo Verlag für die Überlassung dieses Buches.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Das Apfelblütenfest- Calvados, ein alter Baum und die Schwierigkeit des Erkennens

  1. Danke für diesen lohnenden Buchhinweis. Meine Bestellung ist unterwegs. Rufus Katzer wurde schon als 14jähriger bei seiner 1. großen Radtour durch Normandie und Bretagnge zum Calvados-Kenner. Eine Leidenschaft, die sich neben dem Lesen und Schreiben im zunehmenden Alter gesteigert hat.
    Schön, dass mit diesem Beitrag das Spektrum des Weinblogs noch mehr erweitert wurde. Ein Gewinn für alle Fans von EinfachWein.

    • Danke Klaus. Du wirst das Buch nicht mehr aus den Augen lassen….
      Ist ja nicht meine erste Buchkritik, denn Deine Krimis sind hier ja auch gewürdigt.

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